Nazi-Nostalgie im gegenwärtigen Ost- und Südosteuropa

[1]Es ist schon sehr schade, dass es im Zweiten Weltkrieg keine polnischen Einheiten gab, die auf Hitlers Seite kämpften. Auf der Welle antirussischer Phobien, die im Baltikum besteht, könnte man sie jetzt in die Erinnerung zurückrufen und die Veteranen als Teilnehmer eines antikommunistischen Kreuzzugs rehabilitieren. Das Gedenken an die eigenen Faschisten wird heutzutage in mehreren europäischen Staaten zelebriert.

 

Braunes Lettland

Die baltischen Staaten: Estland, Lettland und Litauen.
Die baltischen Staaten: Estland, Lettland und Litauen.
Das ausgeprägteste Sentiment für die braunen Kombattanten offenbaren Behörden der baltischen Staaten. In Litauen, Lettland und Estland werden Denkmäler errichtet, die an den Kriegsweg jener SS-Einheiten erinnern, in denen Freiwillige aus den Ländern der Region dienten. Die Behörden Lettlands umgeben die eigenen Faschisten mit der größten Ehrfurcht. Laut Materialien aus dem lettischen Innenministerium, die von heimischen Historikern ausgearbeitet wurden, waren die lettischen Einheiten der SS und Gendarmerie keineswegs verbrecherische Truppen. Die Vernichtung von Juden haben offenbar die Deutschen ganz allein gemacht und die armen lettischen Faschisten hatten nichts zu sagen. Falls es überhaupt zu Fällen von Kriegsverbrechen kommen sein sollte, dann waren das Einzelfälle, die über die gesamte Armee nichts besagen. In der neuen Geschichtsversion schreibt man nur über Frontverbände. Auf diese Weise bleibt das berüchtigte Läti Arajs komando unerwähnt, ein Sonderkommando, das bei der „Lösung der Judenfrage“ in der Region Beihilfe leistete.

Entsprechend der neuen Geschichte Lettlands dürfen auch die 15. SS-Divisionen nicht verdammt werden, die Lettische Legion[2] hießen und aus heimischen Freiwilligen aufgestellt waren. Freiwillige waren es natürlich nicht, vielmehr reguläre Soldaten, die von den Deutschen in ihre verbrecherische Organisation einbezogen wurden. Außerdem ging es ihnen nur um den Kampf gegen den Bolschewismus und um die patriotische Mission, das Land vom sowjetischen Joch zu befreien. Wie heldenhaft diese Freiheitskämpfer agierten, konnte z.B. die Warschauer Bevölkerung während des Warschauer Aufstands erleben. Bereits zuvor hatten sich lettische Einheiten an der – angeblich – rein militärischen Aktion der Liquidation des Warschauer Ghettos beteiligt.

Heute haben die Helden der damaligen heroischen Ereignisse einen eigenen Veteranenverband. Wenn der gelegentlich durch die Straßen von Riga paradiert, lässt er stolz Standarten mit dem Hakenkreuz flattern. Die Regierung Lettlands behauptet zwar, dass die SS-Feierlichkeiten nicht staatlich seien, aber stets sind an ihnen Militärorchester und prominente Politiker beteiligt. Die haben sich eben an die neuen Zeiten angepaßt. Sie wissen, dass es politisch korrekt ist, sich auch vor den Opfern der Nazis zu verneigen. Es sind Fälle verbürgt, wo welche zuerst bei Gedenkfeiern für ermordete Juden das Wort ergriffen und kurz darauf zur Eröffnung eines Friedhofs für Gefallene der Waffen-SS eilten.

In Lettland ist als Resultat eines veränderten Geschichtsverständnisses auch das Gedenken an kommunistische Partisanen, die von faschistischen Kommandos getötet wurden, in die Diskussion gekommen. Gedenktafeln und Denkmäler für die antifaschistische Bewegung wurden zerstört oder demontiert. Mehrfach ist es vorgekommen, dass friedliche Demonstrationen, an denen Partisanen-Veteranen teilnahmen, von der Polizei auseinander gejagt wurden.

 

Faschistische Gotteswerk in Kroatien

Der unabhängige Staat Kroatien 1941-1945
Der unabhängige Staat Kroatien 1941-1945
Nach dem Zerfall Jugoslawiens ist das Gedenken an die Opfer kommunistischer Willkür auch auf den Balkan zurückgekehrt. Die Anstifter waren kroatische Nationalisten. Seit den Anfängen der Sezession des Landes haben sie nie verhehlt, dass sie politisch in dem Ustaša-Staat[3] daheim sind, der während des Zweiten Weltkriegs bestand. Er wurde nach der Eroberung des Balkans durch Hitlers Truppen gebildet und verband faschistische Elemente mit einem rechten Klerikalismus. Während des Kriegs rühmten sich die Ustaše ihres großen Einsatzes bei der Ermordung von Serben und Juden. Das allerdings wird in der neuen Geschichtsschreibung nicht erwähnt. Man erwähnt auch nicht, dass die Kroaten selber eigene Konzentrationslager einrichteten, und dass die Morde, die sie verübten, so grausam waren, dass selbst in der Region stationierte Wehrmachtsoffiziere abgestoßen waren. 

Zu allem kamen noch die Übeltaten der Kirche hinzu. Katholische Würdenträger starteten Aktionen zur Zwangskonversion von Orthodoxen. Diese konnten zum Katholizismus übertreten oder wurden von den Ustaše abgeschlachtet. In vielen Fällen nahmen Geistliche mit der Haffe in der Hand an Massakern teil.

Einer der geistlichen Unterstützer des Faschismus, der Zagreber Erzbischof Alojzije Stepinac (1898-1960), wurde in der katholischen Kirche sogar ein Heiliger.[4] Dieses wunderliche Muster an Tugend pries die Entstehung des kroatischen Staates (von Hitlers Gnaden) als ein Gotteswerk. „für das wir dankbar sind“.

Der Zagreber Erzbischof Stepinac gratuliert Pavelic zum Neuen Jahr.
Der Zagreber Erzbischof Stepinac gratuliert Pavelić zum Neuen Jahr.
Die Ustaše und die mit ihnen kollaborierenden Priester, die von Titos Partisanen getötet oder nach dem krieg wegen Kriegsverbrechen verurteilt wurden, sind im heutigen Kroatien als Opfer politischer Verfolgungen anerkannt. Während des Bürgerkriegs in Jugoslawien (1991-1995) rühmten sich viele kroatische Militäreinheiten damit, an die Waffentraditionen der Ustaše anzuknüpfen. Manche von ihnen übernahmen die Embleme der Freiwilligengruppen, die während des Zweitens Weltkriegs in der SS dienten.

Die Faszination des Faschismus ist in Kroatien etwas abgefallen, aber nach wie vor sind die Zagreber Machthaber stolz auf die Kampftraditionen für die Unabhängigkeit. Denkmäler für Ustaše und SS-Männer haben die Plätze der Monumente eingenommen, die an die antifaschistischen Partisanen erinnerten.

 

Kosovo-Albaner bauen der SS Denkmäler

Der Kosovo
Das Kosovo
Letzthin haben auch die Kosovo-Albaner eine neue Geschichtsversion in Umlauf gebracht. Die Behörden der Hauptstadt dieser Region, die durch NATO-Angriffe von Serbien abgetrennt wurde, Prishtina, haben beschlossen, ein monumentales Denkmal zu bauen. Es soll an die Aktivisten der faschistischen Liga von Prizren erinnern.[5] Diese Organisation wurde in den 1940-er Jahren mit deutscher Hilfe gegründet, um Freiwillige für Hilfsformationen in der Hitler-Armee zu werben. Auf dieser Basis wurden eine albanische Gendarmerie und die SS-Division „Skanderbeg“ gebildet. Diese kämpften gegen kommunistische Banditen, gelegentlich aber auch gegen serbische Zivilisten und Juden. Militärische Siege sind in ihrer Historie kaum verzeichnet, aber bei ethnischen Säuberungen haben sie sich ausgezeichnet.

Das Denkmal, das an ihren Heroismus erinnern soll, wird an dem Platz stehen. Wo viele albanische Faschisten einen Märtyrertod von der Hand der Partisanen starben. Für den Stadtrat von Prishtina sind die Toten sogar „unschuldig ermordete Patrioten“. So wiederholt sich auch hier das Szenario der Verschiebung der Vergangenheit, da an den Platz des Gedenkens an Antifaschisten andere Überbleibsel gestellt werden.

Leider hat Polen keine solchen hohen Traditionen des Kampfs gegen den Welt-Bolschewismus während des Zweiten Weltkriegs. Uns bleiben nur die Klagen einige rechtsgerichteter Kommentatoren, wir hätten zusammen mit Hitler auf Moskau marschieren sollen (nachdem wir ihm zuvor einen exterritorialen Korridor sowie halb Polen ausgeliefert hätten).

Autor: Piotr Ciszewski (Warschau). Erstveröffentlichung Piotr Ciszewski: Nazi przyjaciele (Nazi-Freunde), in: Nie Nr. 21/2005. Übersetzung aus dem Polnischen und Kommentare Wolf Oschlies.

 

Anmerkungen

[1] Shoa.de dankt dem Autor und der Wochenzeitung Nie für die Erlaubnis zur Übersetzung und Publikation.

[2] Die Lettische Legion wurde 1943 auf Hitlers Weisung aufgestellt. Sie umfasste ca. 100.000 Mann. Am 16. März 1944 trug sie eine heftige Schlacht mit der Roten Armee aus, seit 1998 gilt der 16. März als „Tag des Gedenkens der lettischen Krieger“. 

[3] Ustaša (Aufständischer), rechtsextreme Organisation nach dem Vorbild der italienischen Faschisten, gegründet 1929 von dem Zagreber Advokaten Ante Pavelić (1889-1959). Im April 1941 entstand aus Kroatien und Bosnien der Unabhängige Staat Kroatien (NDH, s. Karte), in dem die Ustaše (plur.) die alleinige Macht ausübten.

[4] Stepinac wurde am 3. Oktober 1998 selig gesprochen. Seine Heiligsprechung ist noch nicht abgeschlossen.

[5] Die erste Liga von Prizren entstand 1878 mit dem Ziel, für alle von Albanern bewohnten Regionen des Osmanischen Imperiums die Autonomie zu erstreiten. Im September 1943 schufen Deutsche die Zweite Liga von Prizren, die die Albaner zur Tötung und Vertreibung von Serben anleiten sollte. Im Februar 1944 entstand die albanische SS-Division „Skanderbeg“. Der Slave Skanderbeg (1405-1488) leitete Mitte des 15. Jh. einen albanischen Aufstand gegen die Osmanen und gilt bei Albanern als Nationalheld.