Über uns
Nazi-Nostalgie im gegenwärtigen Ost- und Südosteuropa
Geschrieben von: Piotr Ciszewski
[1]Es ist schon sehr schade, dass es im Zweiten Weltkrieg keine polnischen Einheiten gab, die auf Hitlers Seite kämpften. Auf der Welle antirussischer Phobien, die im Baltikum besteht, könnte man sie jetzt in die Erinnerung zurückrufen und die Veteranen als Teilnehmer eines antikommunistischen Kreuzzugs rehabilitieren. Das Gedenken an die eigenen Faschisten wird heutzutage in mehreren europäischen Staaten zelebriert.
Braunes Lettland
![]() |
| Die baltischen Staaten: Estland, Lettland und Litauen. |
Entsprechend der neuen Geschichte Lettlands dürfen auch die 15. SS-Divisionen nicht verdammt werden, die Lettische Legion[2] hießen und aus heimischen Freiwilligen aufgestellt waren. Freiwillige waren es natürlich nicht, vielmehr reguläre Soldaten, die von den Deutschen in ihre verbrecherische Organisation einbezogen wurden. Außerdem ging es ihnen nur um den Kampf gegen den Bolschewismus und um die patriotische Mission, das Land vom sowjetischen Joch zu befreien. Wie heldenhaft diese Freiheitskämpfer agierten, konnte z.B. die Warschauer Bevölkerung während des Warschauer Aufstands erleben. Bereits zuvor hatten sich lettische Einheiten an der – angeblich – rein militärischen Aktion der Liquidation des Warschauer Ghettos beteiligt.
Heute haben die Helden der damaligen heroischen Ereignisse einen eigenen Veteranenverband. Wenn der gelegentlich durch die Straßen von Riga paradiert, lässt er stolz Standarten mit dem Hakenkreuz flattern. Die Regierung Lettlands behauptet zwar, dass die SS-Feierlichkeiten nicht staatlich seien, aber stets sind an ihnen Militärorchester und prominente Politiker beteiligt. Die haben sich eben an die neuen Zeiten angepaßt. Sie wissen, dass es politisch korrekt ist, sich auch vor den Opfern der Nazis zu verneigen. Es sind Fälle verbürgt, wo welche zuerst bei Gedenkfeiern für ermordete Juden das Wort ergriffen und kurz darauf zur Eröffnung eines Friedhofs für Gefallene der Waffen-SS eilten.
In Lettland ist als Resultat eines veränderten Geschichtsverständnisses auch das Gedenken an kommunistische Partisanen, die von faschistischen Kommandos getötet wurden, in die Diskussion gekommen. Gedenktafeln und Denkmäler für die antifaschistische Bewegung wurden zerstört oder demontiert. Mehrfach ist es vorgekommen, dass friedliche Demonstrationen, an denen Partisanen-Veteranen teilnahmen, von der Polizei auseinander gejagt wurden.
Faschistische Gotteswerk in Kroatien
![]() |
| Der unabhängige Staat Kroatien 1941-1945 |
Zu allem kamen noch die Übeltaten der Kirche hinzu. Katholische Würdenträger starteten Aktionen zur Zwangskonversion von Orthodoxen. Diese konnten zum Katholizismus übertreten oder wurden von den Ustaše abgeschlachtet. In vielen Fällen nahmen Geistliche mit der Haffe in der Hand an Massakern teil.
Einer der geistlichen Unterstützer des Faschismus, der Zagreber Erzbischof Alojzije Stepinac (1898-1960), wurde in der katholischen Kirche sogar ein Heiliger.[4] Dieses wunderliche Muster an Tugend pries die Entstehung des kroatischen Staates (von Hitlers Gnaden) als ein Gotteswerk. „für das wir dankbar sind“.
![]() |
| Der Zagreber Erzbischof Stepinac gratuliert Pavelić zum Neuen Jahr. |
Die Faszination des Faschismus ist in Kroatien etwas abgefallen, aber nach wie vor sind die Zagreber Machthaber stolz auf die Kampftraditionen für die Unabhängigkeit. Denkmäler für Ustaše und SS-Männer haben die Plätze der Monumente eingenommen, die an die antifaschistischen Partisanen erinnerten.
Kosovo-Albaner bauen der SS Denkmäler
![]() |
| Das Kosovo |
Das Denkmal, das an ihren Heroismus erinnern soll, wird an dem Platz stehen. Wo viele albanische Faschisten einen Märtyrertod von der Hand der Partisanen starben. Für den Stadtrat von Prishtina sind die Toten sogar „unschuldig ermordete Patrioten“. So wiederholt sich auch hier das Szenario der Verschiebung der Vergangenheit, da an den Platz des Gedenkens an Antifaschisten andere Überbleibsel gestellt werden.
Leider hat Polen keine solchen hohen Traditionen des Kampfs gegen den Welt-Bolschewismus während des Zweiten Weltkriegs. Uns bleiben nur die Klagen einige rechtsgerichteter Kommentatoren, wir hätten zusammen mit Hitler auf Moskau marschieren sollen (nachdem wir ihm zuvor einen exterritorialen Korridor sowie halb Polen ausgeliefert hätten).
Autor: Piotr Ciszewski (Warschau). Erstveröffentlichung Piotr Ciszewski: Nazi przyjaciele (Nazi-Freunde), in: Nie Nr. 21/2005. Übersetzung aus dem Polnischen und Kommentare Wolf Oschlies.
Anmerkungen
[1] Shoa.de dankt dem Autor und der Wochenzeitung Nie für die Erlaubnis zur Übersetzung und Publikation.
[2] Die Lettische Legion wurde 1943 auf Hitlers Weisung aufgestellt. Sie umfasste ca. 100.000 Mann. Am 16. März 1944 trug sie eine heftige Schlacht mit der Roten Armee aus, seit 1998 gilt der 16. März als „Tag des Gedenkens der lettischen Krieger“.
[3] Ustaša (Aufständischer), rechtsextreme Organisation nach dem Vorbild der italienischen Faschisten, gegründet 1929 von dem Zagreber Advokaten Ante Pavelić (1889-1959). Im April 1941 entstand aus Kroatien und Bosnien der Unabhängige Staat Kroatien (NDH, s. Karte), in dem die Ustaše (plur.) die alleinige Macht ausübten.
[4] Stepinac wurde am 3. Oktober 1998 selig gesprochen. Seine Heiligsprechung ist noch nicht abgeschlossen.
[5] Die erste Liga von Prizren entstand 1878 mit dem Ziel, für alle von Albanern bewohnten Regionen des Osmanischen Imperiums die Autonomie zu erstreiten. Im September 1943 schufen Deutsche die Zweite Liga von Prizren, die die Albaner zur Tötung und Vertreibung von Serben anleiten sollte. Im Februar 1944 entstand die albanische SS-Division „Skanderbeg“. Der Slave Skanderbeg (1405-1488) leitete Mitte des 15. Jh. einen albanischen Aufstand gegen die Osmanen und gilt bei Albanern als Nationalheld.




