Antiamerikanismus

1. Einleitung

In der wissenschaftlichen Diskussion ist man sich nicht einig, wie eine exakte Definition von Antiamerikanismus lauten müsste. Bereits die Vokabel „Amerikanismus“ führt ein wenig in die Irre, da die USA – denen der Antiamerikanismus gilt – nicht mit dem Kontinent „Amerika“ identisch sind. Weitere Schwierigkeiten ergeben sich z. B. in unterschiedlichen Ländern. So können sich Ressentiments gegen die Vereinigten Staaten in Deutschland (als von den USA besiegtes Land) und in Frankreich (als von den USA von den Deutschen befreites Land) in Form von unterschiedlichen Codes äußern. Weiterhin finden sich in sog. „Dritte-Welt-Staaten“ wieder andere historisch gewachsene Meinungen hinsichtlich der USA. Diese Ausgangspunkte scheinen eine exakte Definition von Antiamerikanismus zumindest sehr stark zu erschweren. Deswegen soll hier auch primär der Antiamerikanismus in Deutschland untersucht werden.

Trotzdem soll der Versuch unternommen werden, wenigstens eine basale Definition des Begriffs zu liefern. Das Internetlexikon „wikipedia“ bietet zwei Begriffsklärungen an: „Unter Antiamerikanismus wird im Allgemeinen eine „ablehnende Haltung gegenüber der Politik und Kultur der USA“ verstanden. Das Random House Unabridged Dictionary definiert Antiamerikanismus als „den Vereinigten Staaten von Amerika, ihrer Bevölkerung, ihren Prinzipien oder ihrer Politik entgegengestellt oder feindlich gesinnt.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Antiamerikanismus) Diese beiden – aus Wörterbüchern stammenden – Erklärungen legen den Grundstein für eine etwas ausführlichere Definition, die wie folgt lautet: „Antiamerikanismus ist die Anfälligkeit für Feindseligkeit den Vereinigten Staaten und der amerikanischen Gesellschaft gegenüber, ein unbarmherzig kritischer Impuls gegenüber amerikanischen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Institutionen, Traditionen und Werten; er geht einher mit einer Aversion gegen amerikanische Kultur und ihren Einfluß im Ausland, verachtet häufig den amerikanischen Nationalcharakter (oder was dafür gehalten wird), mag amerikanische Menschen, Stile, Verhalten, Kleidung usw. nicht, lehnt die amerikanische Außenpolitik ab und ist fest davon überzeugt, daß amerikanischer Einfluss und amerikanische Präsenz wo auch immer auf der Welt schlecht sind.“ (P. Hollander nach: A. Markovits, Amerika, dich haßt sich´s besser, S. 17) Diese Definition enthält die Mehrdimensionalität des Antiamerikanismus und lässt unter anderem durch den Verweis auf die Aversion gegen die „amerikanische (minderwertige, oberflächliche, etc.) Kultur“ die Anschlussfähigkeit des Antiamerikanismus für den Antisemitismus erahnen. Diese Topoi finden sich meist in rechtsradikalen Kreisen. Amerika wird dabei als Exemplar einer „kulturlosen“, „multiethnischen“ Gesellschaft dargestellt, die als „Symptom des kulturellen Niedergangs“ gesehen wird. (R. Kummer, Funktionen des Antiamerikanismus in der rechtsextremen und neurechten Szene, in: ZDK, Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher, S. 81)

Für Dan Diner kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Die USA verkörpern die Modernität schlechthin und werden deshalb für die „dunkle(n) Seiten der Moderne haftbar gemacht.“ (D. Diner, Feindbild Amerika, S. 16). Auch hier sind Anschlüsse an antisemitische Ressentiments möglich. „Insofern weist der Antiamerikanismus in Form wie Inhalt manche Affinität zum Antisemitismus auf, ohne mit diesem identisch zu sein.“ (ebda., S. 8)

Ein wichtiger Unterschied lässt sich aber dahingehend ausmachen, dass Antiamerikanismus keinen Rassismus (im engeren ethnischen Sinne) repräsentiert. Alan Posener schreibt in der „Welt“ dazu: „Wer Antisemit ist, lehnt Juden als solche ab. Der Antiamerikanismus ist jedoch kein Rassismus. Er ist als intellektuelle Strömung entstanden in Gegnerschaft zu einer Ideologie, dem Amerikanismus, so wie der Antikommunismus entstanden ist in Gegnerschaft zum Kommunismus.“ (http://www.welt.de/politik/deutschland/article744425/Antiameri kanismus_Ja_bitte.html)

Sowohl historisch als auch aktuell kann eine Verbindung beider Phänomene konstatiert werden. Bereits Max Horkheimer wusste, "dass überall dort, wo der Antiamerikanismus sich findet, auch der Antisemitismus sich breit macht" (M. Horkheimer, GS 14, S. 408). Jürgen Habermas wies in einem Interview auf die historische Entwicklungslinie hin: Auf die Frage, wie Habermas dass „Problem des Antisemitismus in Deutschland“ sehe und ob es „einen Zusammenhang zwischen Antisemitismus, Antizionismus und Antiamerikanismus“ gäbe, antwortete er: „Ja, diese ideologische Verbindung ist ja kennzeichnend für jeden Radikalnationalismus, der zum Sturz der Weimarer Republik entscheidend beigetragen hat. Antiamerikanismus hat sich in Deutschland immer schon mit den reaktionärsten Bewegungen verbunden und dient den Unverbesserlichen auch heute noch als Deckmantel für Antisemitismus.“ (J. Habermas, Deutsch-polnische Befindlichkeiten, in: ders., Der gespaltene Westen, S. 64)

Die Verbindung von Antiamerikanismus und Antisemitismus - entstanden ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts - besteht somit in der „Kritik an kapitalistischer Modernität. Die europäischen Eliten sahen Amerika und die Juden gleichermaßen als Muster der Modernität: von Geld motiviert, profithungrig, großstädterisch, universalistisch, individualistisch, mobil und ohne Wurzeln, zudem etablierten Traditionen und Wertvorstellungen gegenüber feindselig und somit zutiefst unauthentisch und künstlich.“ (A. Markovits, Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa, in: D. Rabinovici, U. Speck, N. Sznaider, Neuer Antisemitismus?, S. 216) Hier wiederum liegen Anknüpfungspunkte für linken Antiamerikanismus. Die USA werden als Zentrum des Kapitalismus halluziniert und die negativen Erscheinungen auf die USA fokussiert und projiziert.

Selbstverständlich stellt Kritik an amerikanischer Außen- oder Innenpolitik per se keinen Antiamerikanismus dar. Eine Analyse amerikanischer Politik ist auch nicht der Gegenstand dieses Aufsatzes. Zu einer demokratischen Öffentlichkeit gehören selbstverständlich Debatten und Meinungsaustausch. Antiamerikanismus beginnt da, wo Ressentiment und Vorurteil eine klare Analyse vernebeln. Darüber hinaus existieren „double-standards“ gegenüber den USA und anderen Nationen: Jeder kann die Todesstrafe in den USA ablehnen, sollte dabei aber nicht China oder den Iran vergessen. (siehe dazu auch: S. Voigt, Antiamerikanismus, http://www.kritiknetz.de/?position=artikel&aid=197)

Antiamerikanismus ist ein historisch gewachsenes Phänomen und keineswegs auf die extreme Rechte oder die extreme Linke beschränkt. Er findet sich genauso in der „bürgerlichen Mitte“ und ist primär eine Elitenerscheinung. Die Geschichte zeigt, dass der europäische Antiamerikanismus genauso lange existiert wie Amerika selbst. Und: Die europäischen Vorstellungen über die „Neue Welt“ haben oft mit den realen Verhältnissen dort weniger zu tun als mit europäischen Befindlichkeiten. Zwar finden sich antiamerikanische Ressentiments überall in Europa (und auch weltweit), im Rahmen dieses Aufsatzes beschränke ich mich, wie bereits erwähnt, hauptsächlich auf Deutschland.

 

2. Geschichte des antiamerikanischen Ressentiments

Um einen kurzen historischen Abriss des antiamerikanischen Vorurteils zu beginnen, muss die Kontinuität dieses Ressentiments betont werden. Bereits der Entdecker der „Neuen Welt“, Christopher Columbus, verbreitete Anfang des 16. Jahrhunderts die Mär vom „Primitivismus“ Amerikas. Die europäischen Aristokratien ahnten möglicherweise die nun denkbaren Veränderungen, die die herkömmliche Macht des Adels und des Klerus in Frage stellen könnten. Die Stärke des Ressentiments beweist, laut Markovits´ Buch „Amerika, dich haßt sich´s besser“, der Fakt, dass selbst in Zeiten, als die USA relativ schwach gegenüber den europäischen Kolonialmächten waren, „starke Vorbehalte“ (A. Markovits, Amerika, dich haßt sich´s besser, S. 68) gegenüber Amerika und allem, was es repräsentierte, vorhanden waren.

Die europäische Sicht der amerikanischen Ureinwohner wandelte sich von rassistischer Ablehnung (Comte de Buffons „Degenerationsthese“) hin zu einer Bewunderung für ein „wildes und authentisches“ Leben, welches durch profithungriges „Yankeetum“ bedroht sei (Karl May). Wurde in der ersten Phase - in biologistisch-rassistischer Manier – versucht, das „Europäische“ gegen das „Wilde“ und „Barbarische“ durchzusetzen, setzte sich in der späteren Phase - vornehmlich in Deutschland - die Identifizierung mit den Indianern durch. „Deutsche Autoren beklagten die Ausrottung einer ‚ehedem so noblen Rasse‘ und beschuldigten - in völliger Umkehrung der These von Buffon - die weißen Amerikaner, die Schuld an der ‚Degenerierung‘ der Indianer zu tragen.“ (A. Markovits, Amerika, dich haßt sich´s besser, S. 77) Nun darf man keineswegs den Gräueltaten an den amerikanischen Indianern weder klein reden noch bagatellisieren. Ungeheuerliche Grausamkeiten wurden von den weißen, europäischen Einwanderern an den Indianern begangen: Aber die Täter waren eingewanderte Europäer!

Die Ursache dieser „emotionalen Affinität“ der Deutschen für die Indianer lag in der „existentiellen Bedrohung“, die das „Land der Yankees“ für Indianer und Deutsche darstellte. Das „Yankeetum“ wurde mit Geldgier, Primitivität, Kulturlosigkeit, Gewinnsucht und kapitalistischer Modernität in Verbindung gebracht. Während hier also das weiße „Yankeetum“ mit Kapitalismus analogisiert wird, sieht Friedrich Nietzsche etwas später gerade in der Vermischung mit dem Indianischen den Grund für die „amerikanische Jagd nach dem Geld“. (G. Scheit, Monster und Köter, großer und kleiner Teufel, in: T. Uwer, T. v. d. Osten-Sacken, A. Woeldike, Amerika, S. 78) An diesem Beispiel bestätigt sich die These, dass das antiamerikanische Vorurteil mehr mit europäischen Befindlichkeiten als mit amerikanischer Realität zu tun hat.

In diesem materialistischen Geist - dem die deutsche Vorstellung einer Kultur, die durch Sprache und Boden gekennzeichnet ist, entgegensteht - bestand die wahrgenommene Gefahr. Dieses Motiv zieht sich bis in die heutige Zeit, wenn deutsche Politiker z. B. eine Quotierung im Radio für deutschsprachige Titel gegen die „Allmacht des amerikanischen Kulturimperialismus“ fordern. Eine Zusammenfassung aller Teile des Antiamerikanismus kann man bei Nikolaus Lenau lesen, einem zunächst begeisterten Amerika-Schwärmer. Nach seiner Reise 1832 änderte er seine Meinung radikal. Das atlantische Meer sei ein „isolierender Gürtel (...) für den Geist und alles höhere Leben“. Und weiter: „Die Bildung der Amerikaner ist bloß eine merkantile, eine technische. Hier entfaltet sich der praktische Mensch in seiner furchtbarsten Nüchternheit. Doch ist selbst diese Kultur keine von innen organisch hervorgegangene, sondern eine von außen gewaltsam und rapid herbeigezogene, bodenlose, und darum gleichsam mühselig in der Luft schwebend erhalten.“ (nach: A. Markovits, Amerika, dich haßt sich´s besser, S. 84) Selbst bei den Tieren in Amerika sieht Lenau keine Leidenschaft und keinen Mut. In romantischer Verklärung wird die Natur Amerikas mit Ödnis und Herzlosigkeit gleichgesetzt während Europas Kultur mit Herz, Poesie und Phantasie assoziiert wird. Die Menschen dort sind leer und ausgebrannt und darüber hinaus noch „himmelanstinkende Krämerseelen“. Diese Vokabel verweist deutlich auf den Zusammenhang von Antiamerikanismus und Antisemitismus. Der Vorwurf der „Krämerseele“, des „perfiden Albion“ diente deutschen Briten-Hassern und Antisemiten als Angriff auf die kapitalistische Moderne, die sich problemlos auf die USA übertragen ließ. „Die durch die USA und Großbritannien immer erfolgreich vertretene und bedrohlicher erscheinende Moderne wurde einem westlich-liberalen und verjudeten ‚Händlertum‘ zugewiesen, dem ein kulturdeutsches ‚Heldentum‘ entgegenstand.“ (A. Markovits, Amerika, dich haßt sich´s besser, S. 90) Der Grund für die Reise Lenaus war übrigens, die den Amerikanern vorgeworfene „Vermögensassekuranz“ auszunutzen und sein Geld anzulegen. (nach: G. Scheit, Monster und Köter, großer und kleiner Teufel, in: T. Uwer, T. v. d. Osten-Sacken, A. Woeldike, Amerika, S. 78)

Im Buch von Andrei Markovits werden weitere deutsche Intellektuelle beispielhaft zitiert, um die antiamerikanische Haltung der Eliten zu zeigen. Ob Schriftsteller wie Karl May und Heinrich Heine, Philosophen wie G. W. F. Hegel, Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger, der (österreichische) Psychoanalytiker Sigmund Freud oder auch Soziologen wie Robert Michels und Karl Mannheim. Bei allen findet sich eine Identifizierung Amerikas mit negativen Auswirkungen der kapitalistischen Moderne.

Während bei Hegel die bürgerliche Gesellschaft ohne Staat, die Gewinnsucht, ein Recht ohne Rechtschaffenheit kritisiert wird, assoziiert Heidegger die zerstörerische, moderne Technik mit den USA. Freud identifiziert die moderne Zivilisation, die nach Geld strebt und dem Individuum Triebverzicht auferlegt, vor allem als „amerikanisch“. Für Robert Michels steht Amerika für wissenschaftliche Rückständigkeit und bei Karl Mannheim finden sich Geschichtslosigkeit, Oberflächlichkeit und mangelnde Qualität als Charakteristika für die USA wieder.

Konservative und rechte Intellektuelle wie Ernst Jünger, Arthur Moeller van den Bruck („Erfinder“ des Begriffes „Das Dritte Reich“) oder Carl Schmitt äußerten sich ebenfalls dezidiert antiamerikanisch. Auch hier wird Amerika mit Moderne, aber auch mit Kultur- und Wurzellosigkeit, Primitivismus, Oberflächlichkeit, Gewinnsucht, Amoralität und Imperialismus identifiziert. Im SS-Organ „Das schwarze Korps“ wird der „Amerikanismus“ als die größte Gefahr für den Nationalsozialismus beschrieben. Bolschewismus und Liberalismus sind als Sinngebung für den Einzelnen weggefallen, so dass nur noch der Amerikanismus - in Konkurrenz zum nationalen Sozialismus - bleibt. Der Amerikanismus ist eine „Kultur des Nichts“, die gerade dadurch die Menschen fasziniert. Selbst der deutsche Landser würde eine Jazzplatte nicht wegwerfen, sondern „die auf ihre Art vollendete Blödsinnigkeit“, „das tierische Gejaule“ lädt ihn zur Flucht vor sich selbst ein. Wirklich „anhaben“ kann sie ihm jedoch nichts. (nach: A. Markovits, Amerika, dich haßt sich´s besser, S. 93 - 95)

Überhaupt finden sich bei den Nationalsozialisten alle antiamerikanischen Topoi in extremer Form wieder. „Die Nazis sahen in Amerika eine mittelmäßige, von Mischlingen geprägte kulturlose Massengesellschaft, regiert von einer jüdisch dominierten Plutokratie, die ihre Mission in der Erlangung der allumfassenden Weltherrschaft sah, politisch, wirtschaftlich, kulturell.“ (A. Markovits, Amerika, dich haßt sich´s besser, S. 93)

Ausnahmen unter den Intellektuellen waren zum Beispiel Karl Marx und Friedrich Engels. Beide unterstützten die „Union“ gegen die konföderierten Streitkräfte. Sogar Abraham Lincoln bekam 1864 von Marx ein Glückwunschtelegramm aufgrund seiner Wiederwahl! „Vor allem betonte und bewunderte Marx stets die Fortschrittlichkeit des bürgerlichen Amerika dem feudalen Europa gegenüber.“ (A. Markovits, Amerika, dich haßt sich´s besser, S. 96) Auch Johann Wolfgang von Goethe und teilweise Bertolt Brecht (bis zur Gründung der Sowjetunion war die gesamte deutsche Linke pro-amerikanisch) reihen sich in die kleine „pro-amerikanische“ Liste deutscher Intellektueller ein.

 

3. Antiamerikanismus heute

Antiamerikanismus ist zusammen mit Antisemitismus (bzw. dessen Erscheinungsformen als Antizionismus oder Antiisraelismus) in Europa und den islamischen Ländern empirisch zu belegen. Allerdings ist der islamistische Antiamerikanismus eine bereits zu Gewalttaten fortgeschrittene Ideologie, während die europäische Abgrenzung zu den USA eher zur Herausbildung der Identität als „Europa“ dient. Im Zuge des Afghanistan- und Irakkrieges konnte man die Risse im transatlantischen Verhältnis (aber auch innerhalb Europas) beobachten. Besonders verschärft wurde auch der Graben zwischen den USA und der muslimischen Welt.

Am 11. September 2001 flogen Al-Kaida Terroristen mit Passagierflugzeugen in die Türme des World Trade Centers sowie in das Pentagon. Bereits 1993 war das WTC Ziel eines Anschlages. New York war in den Augen von Antisemiten und Antiamerikanern seit eh und je die „verjudete“ Metropole. Das World Trade Center galt als Symbol des modernen und individualistischen Kapitalismus und damit des „Judentums“. Amerika ist im islamistischen (es geht hier wie im folgenden um den politischen Islamismus als Ideologie) Wahnbild „jüdisch“ und damit genauso verachtenswert. Es steht für moralischen Verfall, Drogen, freie Sexualität und Gewinnsucht. Der Sprecher der Al-Kaida, Suleiman Abu Gheit, schrieb im Juni 2002 in einem Pamphlet mit dem Titel „Warum wir Amerika bekämpfen“, dass „Amerika der Anführer des Verfalls und des Zusammenbruchs der Werte, sei es der moralischen, der ideologischen, der politischen oder der ökonomischen Werte“ sei. „Es verbreitet Abscheulichkeiten und Lasterhaftigkeiten, die es mit Hilfe von minderwertigen Medien und widerlichen Lehrplänen unter die Menschen bringt.“ (M. Küntzel, Djihad und Judenhaß, S. 129) Die Analogien zur Argumentation des SS-Organs „Das schwarze Korps“ (siehe oben) bezüglich einer amerikanischen „Kultur des Nichts“ sind frappierend.

Der islamistische Kreis der Argumentation schließt sich dann, wenn die Unterstützung der USA für Israel ins Feld geführt wird. Dies gilt als Beweis für die „jüdische“ Dominanz in den USA. Deswegen gründete Bin Laden 1998 die „Islamische Weltfront für den Djihad gegen Juden und Kreuzfahrer“ und begründete die Anschläge auf die US-Botschaften mit „Israels Rolle bei den Tragödien, die die Muslime befallen haben“ (M. Küntzel, Djihad und Judenhaß, S. 130). Die „Tragödien“ sind für Al-Kaida die US-Truppenpräsenz in Mekka und Medina sowie die Existenz des jüdischen Staates.

Die Anschlussfähigkeit für Teile der Antiglobalisierungsbewegung besteht nun darin, ausschließlich Amerika für die Unterdrückung und Entrechtung der Muslime verantwortlich zu machen. Und sie besteht in einer Art von „obsessiver Beharrlichkeit(,) (...) die Welt in Gut und Böse“ (M. Küntzel, Djihad und Judenhaß, S. 129) einzuteilen. Dies fußt wiederum in einer Suche nach dem „Schuldigen“, nach einer Personifizierung der anonym gewordenen Machtverhältnisse. Diese Versuche einer Rationalisierung des Unverstandenen sind auch die Ursachen für Verschwörungstheorien. Erschreckend sind Umfragen wie diese: In der Wochenzeitung „Die Zeit“ wurde Mitte 2003 ermittelt, dass es „31 Prozent der unter 30-jährigen Deutschen für möglich“ halten, „dass die US-Regierung die Anschläge selbst in Auftrag gegeben hat.“ (J. Bittner, Blackbox Weißes Haus, in: Die Zeit, 31/2003) Verschwörungstheoretische Literatur wie z. B. von Mathias Bröckers, Gerhard Wisnewski oder Andreas von Bülow standen monatelang ganz oben auf deutschen Bestsellerlisten. Auch in Frankreich machte Thierry Meyssan mit dem Buch „L`Effroyable Imposture“ („Der schreckliche Betrug“) antiamerikanische Stimmung. In diesen (wie in allen) Verschwörungstheorien tauchen immer antisemitische Elemente auf. Sei es nun die direkte Verantwortlichkeit des israelischen Geheimdienstes Mossad oder eine ominöse Warnung an die im World Trade Center arbeitenden Juden. Dass diese Meldung als Legende von der Hizbollah aus dem Libanon in die Welt gesetzt wurde, änderte nichts an der „Glaubwürdigkeit“ dieses Arguments. Die Organisation „Anti-Defamation-League“ sah sich daraufhin veranlasst, eine Liste der jüdischen Toten des 11. September zu erstellen. Der Sprecher Abraham Foxman sagte dem ARD-Fernsehmagazin „Panorama“, dass „400 bis 500“ Menschen jüdischen Glaubens an diesem Tag starben („Panorama“ Nr. 630, 21.08.2003). Dass die Verschwörungstheorien bei einem ausgewiesenen Rechtsextremisten und Antisemiten wie Horst Mahler ebenfalls großen Anklang finden, überrascht nicht. In dem Beitrag gibt Mahler das geläufigste antisemitische Vorurteil zum Besten: „Gewisse Kreise der Juden haben die USA praktisch usurpiert, und sie beherrschen die Machtmittel der USA in ihrem Interesse und im Interesse Israels.“ („Panorama“, Nr. 630, 21.08.2003)

Ein weiterer Punkt in dem extreme Rechte, Teile der extremen Linken und auch Islamisten übereinstimmen ist die Kritik am amerikanischen „Kulturimperialismus“. Die Fast Food Kette McDonalds wird zum Symbol alles Bösen. Die amerikanische Kultur wird dabei oft als Ausdruck von Künstlichkeit oder sogar Minderwertigkeit der USA gesehen. Dies gipfelte bei der rechtsextremen NPD sogar in einer „Boykott-Kampagne“ gegen US-Produkte im Jahre 2003. (R. Kummer, Funktionen des Antiamerikanismus in der rechtsextremen und neurechten Szene, in: ZDK, Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher, S. 82) Die Neonazis benutzen dabei immer wieder ehemals „linke“ Slogans auf ihren Demonstrationen (z. B. „USA – Internationale Völkermordzentrale“ etc.).

Darüber hinaus belegt Markovits die negative Besetzung Amerikas in der europäischen Öffentlichkeit. In Inhaltsanalysen von über 1.500 Zeitungsartikeln zum Thema Amerika fand er heraus, dass die „Begriffe ‚Amerikanisierung‘ und ‚amerikanische Verhältnisse‘ (...) im gegenwärtigen deutschen Sprachgebrauch fast ausschließlich für Negatives, Schlechtes, vor allem für etwas Bedrohliches, welches man unbedingt vermeiden, oder - wenn man es schon hat - irgendwie mindern und lindern muß.“ (A. Markovits, Amerika, dich haßt sich´s besser, S. 118) Wenn irgendwo „amerikanische Verhältnisse“ drohen - egal ob im Sport, in der Politik, in der Wirtschaft, im Recht, im Gesundheitswesen, in der Arbeitswelt oder in der Sprache - gilt es, dem etwas Europäisches entgegenzusetzen.

Am 15. Februar 2003, dem Tag der europa- und weltweiten Antiirakkriegsdemonstrationen, sah der französische Finanzminister Dominique Strauss-Kahn die Geburt der Nation Europa: „Am Sonnabend, dem 15. Februar 2003, wurde auf den Straßen eine Nation geboren. Diese Nation ist die europäische Nation.“ (A. Markovits, Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa, in: D. Rabinovici, U. Speck, N. Sznaider, Neuer Antisemitismus?, S. 231) Diese Demonstrationen waren sowohl von der Teilnehmerzahl, der Breite der teilnehmenden politischen Spektren als auch in ihrer politischen Dimension einzigartig. „In Ländern wie Deutschland, Frankreich und Griechenland wurden diese Aufmärsche zu so etwas wie Regierungskundgebungen.“ (A. Markovits, Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa, in: D. Rabinovici, U. Speck, N. Sznaider, Neuer Antisemitismus?, S. 231) Jürgen Habermas und Jacques Derrida verfassten ein Manifest, in welchem das zivile und fortschrittliche Projekt Europa dem rückwärtsgewandten religiösen und militaristischen Amerika gegenübergestellt wurde. Die Funktion dieses „europäischen Nationalismus“ liegt auf der Hand: „Da jetzt das Staatsgebilde ‚Europa‘ auf der Tagesordnung steht, kann der Antiamerikanismus eine nützliche Mobilisierungsfunktion für die Gründung dieses neuen Staatsgebildes ausüben.“ (A. Markovits, Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa, in: D. Rabinovici, U. Speck, N. Sznaider, Neuer Antisemitismus?, S. 232)

Eine aktuelle Studie, die das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zitiert, kommt zu dem Ergebnis, dass in „keinem anderen untersuchten europäischen Land außer der Türkei“, die „öffentliche Meinung (über die Vereinigten Staaten, J. B.) schlechter“ ist als in Deutschland. (J. Friedmann, Botschafter wider Willen, Der Spiegel, Hamburg, 30/23.07.2007, S. 30, 31). Lediglich 30 % der Befragten sehen die USA noch positiv. Zum Vergleich: In Israel haben 78 % der Befragten eine positive Meinung über die USA. Noch negativere Bewertungen der USA wurden nur in muslimischen Ländern festgestellt.

Im Konglomerat von reaktionärer (oder auch nationalistischer) Kritik an der Globalisierung, volkstümelnder Heimatliebe, Hass auf rationalistische (säkulare) Begründungen von Nation und Kultur sowie der Ablehnung der Moderne gedeiht weltweit ein Phänomen, was in der Ablehnung der USA ihre einigende Symbiose gefunden hat. Diese Kategorien sind – mindestens – anschlussfähig zu antisemitischen Einstellungen.

Autor: Jochen Böhmer

 

Literatur

Berman, P.: Terror und Liberalismus, Europäische Verlagsanstalt, Sabine Groenewold Verlage, Hamburg, 2004

Bittner, J.: Blackbox Weißes Haus, in: Die Zeit, Hamburg, Nr. 31/2003 http://www.zeit.de/2003/31/Umfrage (am 17.05.2007)

Diner, D.: Feindbild Amerika, Propyläen Verlag, München, 2. Auflage 2003

Friedmann, J.: Botschafter wider Willen, Der Spiegel, Hamburg, 30/23.07.2007, S. 30, 31

Gessler, P.: Modell Querfront, Die Tageszeitung, Berlin, 02.10.2004 http://www.taz.de/index.php?id=archivseite&dig=2004/10/02/a0302 (am: 28.10.2007)

Habermas, J.: Der gespaltene Westen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2004

Horkheimer, M.: Anti-Amerikanismus, Antisemitismus und Demagogie und die Lage der Jugend heute, in: GS 14, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1985, S. 408, 409 (Hg. A. Schmidt und G. Schmid Noerr)

Küntzel, M.: Djihad und Judenhaß, Ca-Ira-Verlag, Freiburg (Breisgau), 2003

Markovits, A.: Amerika, dich haßt sich´s besser, Konkret Verlag, Hamburg, 2004

Panorama Sendung vom 12.05.2005, Nr. 653: http://www.ndrtv.de/panorama/data/weltweiter_djihad.pdf (am: 15.05.2005) Panorama Sendung vom 21.08.2003, Nr. 630: http://www.ndrtv.de/panorama/data/verschwoerungstheorien_zum_11_ september.rtf (am: 15.05.2005)

Posener, A.: Antiamerikanismus? Ja, bitte, in: Die Welt, Berlin, 03. März, 2007 http://www.welt.de/politik/deutschland/article744425/Antiamerikanismus_Ja_bitte.html (am: 28.10.2007)

Rabinovici, D., Speck U.: Neuer Antisemitismus?, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, Sznaider N. (Hg.) 2004

Staud, T.: Moderne Nazis, Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn, 2006

Tibi, B.: Die fundamentalistische Herausforderung, C. H. Beck,München, 3. Auflage, 2002

Uwer, T./Woeldike, A./v. d. Osten-Sacken, T. (Hg.): Amerika, Ca-Ira-Verlag, Freiburg (Breisgau), 2003

Voigt, S.: Antiamerikanismus: http://www.kritiknetz.de/?position=artikel&aid=197 (am: 29.10.2007)

Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Antiamerikanismus (am: 28.10.2007)

Zentrum für demokratische Kultur: „Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher“ Antisemitismus und Antiamerikanismus in Deutschland, Ernst Klett Schulbuch Verlag, Leipzig, 2004